RESETTLEMENT COUNTRY

 

Dies ist eine Dokumentation einer Reise nach Riace - ein kleines Dorf im Süden Italiens, das den utopischen Gedanken verfolgt, eine neue Heimat für Geflüchtete zu bieten, die mit ihrem Boot an der Küste Italiens stranden.

Wir haben versucht durch dieses Projekt in das Theme “Geflüchtete in Europa” einzusteigen und Eindrücke zu sammeln, die uns ein klareres Bild und persönlichen Bezug verschaffen sollten. Durch langjährige politische Arbeit kamen wir zu der Überzeugung, dass unser Interesse lösungsorientiert und eher auf positive Ansätze fokussiert ist. Deshalb wollten Vince, Lea, Peter und ich Riace besuchen, um aus den Erfahrungen in dieser Abwanderungsgegend zum Thema Migration und Integration zu lernen und vielleicht konkrete Lösungsansätze mit nach Hause zu bringen.

 

Riace liegt in Calabrien, einer südlichen Region Italiens, direkt am Meer. Es hat zwei Stadtteile, etwa zweihundert Menschen leben oberhalb auf einem Berg und etwa dreitausend am Strand - Riace Marina.

 

Da war dieses kleine Dorf, ein Moment des Wunders. Das Lebendürfen in purer Form. Das Dazwischen fühlen. Im Bewusstsein Freiheit und Gemeinschaft finden, die bislang unter Realitäten verborgen lag. Am Anfang stand der Traum einer gelebten Utopie, am Ende ein weitaus differenzierteres Bild von der Realität europäischer Flüchtlingspolitik. 

Da, wo wir Solidarität untereinander und Begegnung auf Augenhöhe erhofft, aber auch wahrgenommen hatten, gab es ebenso Korruption, Prostitution und Ausbeutung. Was nach außen nach Heimat erschien, war für die Geflüchteten teilweise ein Gefängnis, da sie ihre Unstützung nicht in Euros, sondern in “Bonas” ausgezahlt bekamen, einer dorfeigegen Währung vergleichbar mit Essensgutscheinen. Damit konnten sie noch nicht einmal den Bus bezahlen. 

Es war enttäuschend zu sehen, dass es zwar im Kleinen möglich ist anders zu leben und sich auf Augenhöhe zu begegnen, aber man gegen ein großes systematisches Problem nicht ankommen kann. Wir haben viele Erfahrungen gemacht und bei dieser Reise viele verschiedene Stimmen gehört. In der Reflektion kann ich von mir sagen, dass es mich geprägt hat, zu sehen, wie die Gesellschaft auf Probleme reagiert, die wir weltweit nur gemeinsam lösen könnten. Sie spaltet sich.

 

Ich habe nicht gedacht, dass sowas in Europa möglich ist.

So genannte “Illegale” arbeiten den ganzen Tag auf dem Feld, nur um täglich Essen zu bekommen und ihr Zelt auf einem Olivenhain aufstellen zu dürfen. Menschen werden zur Flucht gezwungen, wie Dreck behandelt und das auch in Europa.

Universelle Rechte sind nur so lange universell, wie sie auf Übereinkunft basieren und jeder ein Anliegen an der Umsetzung hat. Verschieben sich die Interessen und Vorraussetzungen, kommen wir an den Punkt, an dem wir heute stehen. 

Vielleicht muss man im Leben lernen von der Realität auszugehen und darin Wunder zu finden, als von einem Traum auszugehen, der mit der Realität nur brechen kann. Die Geflüchteten sind Zahlen auf dem Papier und man kann sie einfach zur Seite legen, wenn man sich gerade nicht damit beschäftigen will.  Sie sind Abfall eines weltweiten Systems, welches global Ungleichheit schafft und die Menschen zueinander in Konkurrenzverhältnisse setzt.

Das, was Europa nun als “Flüchtlingskrise” erlebt, ist heruntergebrochen die gerechtfertigte Forderung der Besitzlosen auf ein Leben in Würde. 

"Here is nothing to do.

I thought I could have a 

real chance. 

 

Now I just want 

to kill myself."

"Sie schlugen mich. Sie schlugen so

fest zu, dass ich mein Auge verlor.

Sie nahmen mir meine Heimat.

Und nun bin ich in einem

Land, das es mir unmöglich macht

anzukommen und eine neue Heimat

zu finden. Meine Kinder sollten ein

besseres Leben haben als ich. 

 

Das war der Grund, warum ich floh.

Jetzt frage ich mich jeden Tag, ob

ich nicht nur mein Leben, sondern

auch das ihre kaputt gemacht habe. "

"We lived in Stuttgart for one year, 

me and my brother went to school there, we made some friends and 

had the big hope, that everything would have changed now. 

 

Then the police came in the middle of the night and brought us here to Italy. They didn`t let us take anything with us.

 

My brother is now 5 and he can`t really speak Kurdish, nor German, not Italian, because everytime we settle for a while, somebody will come and take us.

 

I´m eighteen years old now and 

I really don`t know what to do anymore."

"You will never lose. Sometimes it 

seemes, that you have lost everything. 

But than you realize - you are not dead, you have a life to live. It`s hard, but you will always win experience.

But sometimes I ask myself, why it is 

so hard and why I have to have to fight 

so much and why it hurt so much."

2015 trafen wir Gülden in Riace. Sie war zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt. Dies ist der Brief, den sie uns gegeben hat, um über ihre Lebenssituation als Flüchtling im Süden Italiens zu berichten. 

Ich bin Gülden Söyler. Ich bin siebzehn Jahre alt und lebe unter Sorgerecht bei einer Familie in Torino, da ich meine Schule fertig machen wollte. Mein Vater Mustafa Söyler ist fünfundvierzig Jahre alt und kann kein Italienisch.  Meine Mutter Fatma Söyler ist vierundvierzig Jahre alt und hat Probleme mit ihren Augen.

Ein Auge ist eine Prothese und auf dem anderen Auge sieht sie durch Bluthochdruck nurnoch ganz wenig.

Mein Bruder Haydar Söyler ist fünf Jahre alt. Wir sind am 9.Dezember 2010 nach Italien gekommen und haben in Rom am Flughafen gleich unser Asyl beantragt. Von dort sind wir in ein Camp in Foggia geschickt worden, in dem wir 3 Monate lebten. In dieser Zeit bekamen wir vom Gericht eine Aufenthaltsgenehmigung. Danach hat man uns empfohlen in eine Stadt zu gehen, um dort Unterkunft und Essen zu bekommen.

Da wir keine andere Wahl hatten, haben wir eingewilligt und sind von Foggia aus nach Zambia Colonia geschickt worden. Wir wollten eigentlich nach Milano gehen, da dort mehr Leute leben, aber diese Möglichkeit haben sie uns nicht gegeben.

Am 30. März 2011 sind wir also nach Colonia gekommen, ein sehr kleines Dorf, in dem es weder Einkaufsmöglichkeiten noch Geschäfte gab. Wir haben ein Haus zum Wohnen bekommen. Es war sehr klein und auch sehr alt. Im Winter wurde es so kalt, dass wir immer zusammen Arm in Arm schlafen mussten, da keine Heizmöglichkeit vorhanden war. Dann haben wir uns eine kleine Gasheizung besorgt. Mein Bruder Haydar war im Winter oft krank, hatte Fieber, aber wir konnten ihm keine Medikamente besorgen. Wir haben von der Stadt monatlich 200 Euro bekommen und das war wirklich zu wenig. Essen haben wir jede Woche bekommen und mussten danach einen Zettel unterschreiben, dass wir die Nahrung erhalten hatten. Auf dem Zettel standen aber oft Dinge, die wir nicht bekommen hatten, aber wir mussten trotzdem unterschreiben.

Viel von dem Obst mussten wir auch wegwerfen, da es verfault war und man es nichtmehr essen konnte.

Auch das Fleisch war manchmal verdorben und hat gestunken. Manchmal haben sie die Lebensmittellieferung auch nur einmal im Monat gebracht und wir hatten großen Hunger.

Mein Vater hat für die Stadt gearbeitet und nur wenig Geld bekommen. Wir haben alles besorgt, da die Stadt uns nicht ausreichend unterstützt hat. Meine Mutter muss jede Woche zum Arzt, um ihre Prothese überprüfen zu lassen, und sie kriegt Augentropfen. Aber seit wir in diesem Dorf leben, wurde sie nichtmehr zum Arzt gebracht.

Vor etwa 5-6 Wochen hatte sie bei ihrer Periode viel Blut verloren und ist ohnmächtig geworden. Es war keiner da, der uns helfen konnte oder zu dem wir hätten gehen können. Wir haben dann Mitarbeiter der Stadt angerufen, aber keiner ist ans Telefon gegangen. Die Bürgermeisterin Maria Paola hatte es verboten, dass die Stadt zu uns Kontakt aufbaut. Eine Bekannte hat dann meine Mutter zum Krankenhaus gebracht und dort lag sie eine Woche lang. Ende März 2013 hat ein Mitarbeiter der Stadt einen Brief gebracht, den wir unterschreiben sollten, aber da mein Vater kein Italienisch kann, hat er mich angerufen und ich habe mit ihnen telefoniert. Ich habe gesagt, dass sie mir die Formulare zuschicken sollen, aber die haben sich aufgeregt und haben gesagt, dass ich den Brief nicht lesen darf. Dann haben sie gesagt, dass ich ab jetzt die Verantwortung für meine Familie habe und am nächsten Tag haben sie den Strom abgeschaltet. 

Da meine Mutter nichts sieht, ist sie gegen die Tür gestoßen, als sie auf Toilette gehen wollte und hat geblutet. Wenn wir uns waschen wollten, mussten wir Wasser auf dem Gasofen vorheizen und einmal war es so dunkel, dass das heiße Wasser fast auf meinen Bruder gekippt wäre, weil man in der Dunkelheit nichts sehen konnte. Meine Familie hat seit Dezember 2012 keine Lebensmittelunterstützung mehr bekommen und mein Bruder konnte auch nicht in die Schule. In der Winterzeit war es sehr schlimm und seiner Psyche ging es sehr schlecht. Meine Familie war in diesem Jahr in Therapie, aber sie leiden noch immer. Die Situation war sehr schwer in Italien. Es gab kein Auto, also konnten wir nirgendwo hinfahren und waren die ganze Zeit nur Zuhause. Wir kriegen auch kein Geld von der Stadt mehr. Der Psychiater wollte uns helfen und uns in eine andere Stadt bringen, aber die Stadt hat nicht eingewilligt und hat sich verweigert uns die Erlaubnis zu geben, da sie an uns Geld verdienen. Wir haben sogar ein Schreiben an das Ministerium geschickt. Seit Dezember 2012 haben wir von der Stadt kein Geld erhalten, aber die Unterstützung wird noch an die Stadt bezahlt, sie gibt sie nur nicht weiter an uns. 

"Here is nothing to do.

I thought I could have a 

real chance. 

 

Now I just want 

to kill myself."

"I thought of europe as

a rich country. But that is 

not reality. Here in south

italy all people are poor.

That is why they put us 

here and not to Germany. 

 

Equality of chance is a right, 

but it`s not reality."

"And a ship sales out and you trying to understand, what is happening and in a moment... sip.

Everybody around you is drowning.

 

Where was the point, that luck has left you? When was the first time you recognized that you were all alone?"

Zynische Worte 

mit süßem 

Orangen

geschmack.